80, 90, 100.

 

80, 90, 100 

 

 

80, 90, 100 – kennt ihr diese textzeile? sie gehört city und ihrem wunderbaren song “meister aller klassen”.

hört rein.

 

auf den oft kopfsteingepflasterten strassen der republik, auf denen dieses lied entstand, waren 80, 90, 100 tatsächlich ernst zunehmende geschwindigkeiten, zumal mit einem motorrad gefahren.


auf den strassen der heutigen republiken dagegen kann man sich bei derlei tempo locker mal unter dem helm wegträumen oder – im auto - sich endlich in ruhe in die tiefen des navi-radio-mp3-telefon-infotainment-systems klicken.


was man natürlich nicht tun sollte, weil man es erstens nicht darf und weil zweitens justament da vorn aus der böschung ein kind auf die fahrbahn krabbeln könnte.


aber selbst mit der nötigen aufmerksamkeit sollte man keine 100 fahren, auch keine 90. höchstens 80 sollen es sein. sagte jüngst der deutsche verkehrsgerichtstag.


wir müssen auf antifah wohl kaum darüber reden, wie abstrus blödsinnig dieser vorschlag anmutet. es gibt abertausende von landstrassenkilometer, da sind 80 derart langsam, dass man von niemandem, der auch nur ein bisschen fahrfertigkeit besitzt, erwarten darf, sie in einem solchen zuckeltempo abzusitzen.

ganz im gegenteil: die geschwindigkeit auf der landstrasse sollte frei gegeben werden mit der obligenheit an den einzelnen, sie den umständen anzupassen.

und so ist die empfehlung – so der offizielle duktus für den vorschlag - nicht nur abstrus. er ist auch anmaßend.

 

zumindest wirkt das so. es gibt allerdings eine intention, die hinter dem vorschlag steckt.

um die ein wenig freizuschälen, müssen wir uns erst einmal ansehen, wer der deutsche verkehrsgerichtstag eigentlich ist. anders als es der name suggeriert, hat er nichts mit einem gericht zu tun. es ist nicht so, wie es im falle des verfassungsgerichts ist, dass ein urteil gefällt wird, mit der aufforderung an die legislative seine gesetzgebung entsprechend anzupassen.

der verkehrsgerichttag ist nichts weiter als die veranstaltung eines vereins, der deutschen akademie für verkehrswissenschaft.

und trotzdem haben die forderungen des vereins gewicht

und führten in der vergangenheit nicht selten tatsächlich zu einer entsprechenden veränderung der stvo.

was an seinen machtvollen und gut vernetzten mitglieder liegt.


was bringt den verkehrsicherheitstag überhaupt dazu, eine solche forderung zu stellen? 

 

zum einen ist es die vision zero der eu – das nachgerade lächerlich erscheinende ziel, die zahl der verkehrtstoten in europa auf genau null zu bringen. dahinter steckt allerdings nicht das mit duftendblauen blümchen umrankte ansinnen naiver gutmenschen, die uns lieber einen späten krebstod statt eines frühen unfalltods sterben lassen, sondern die strategie, ein ziel derart radikal zu formulieren, dass es zu seiner erreichung entsprechend radikaler maßnahmen bedarf.

tempo 80 auf landstrassen ist dabei nur ein schritt, ein unwesentlicher im gesamtkontext - ein nächster, wenn die 80 dann vorgeschrieben sind, wird das generelle überholverbot sein - der dazu beitragen soll, uns an ein zunehmend starke reglementierung des verkehrs zu gewöhnen; die erst durch einen flächendeckenden einsatz interakiver autonomer fahrstysteme einen vorläufigen abschluss finden wird.

und das ist das interesse all derer, die mit diesen fahrsystemen geld verdienen werden. sie betreiben diese entwicklung, der deutsche verkehrgerichtstag bietet ihnen die plattform, um sie medial aufzubereiten und ihr einen fachlich und wissenschaftlich fundierten anstrich zu geben.


in der selbstdarstellung des deutschen verkehrsgerichtstags findet sich die folgende

passage: In den Beratungen der Arbeitskreise prallen die Gegensätze zuweilen hart aufeinander. Die Empfehlungen beruhen deshalb nicht selten auf Kompromissen. Dies vermeidet die Dominanz zufälliger Mehrheiten und verhindert eine einseitige Parteinahme des Verkehrsgerichtstages. Praxisnähe und Aktualität – nicht zuletzt aufgrund der jährlichen Ausrichtung - sowie die Einbindung unterschiedlicher Interessengruppen sichern dem Deutschen Verkehrsgerichtstag seine herausragende Bedeutung.”

 

tempo 80 wurden beim verkehrsicherheitstag im arbeitskreis 4 beraten

mit dem arbeitstiteln: unfallrisiko landstrasse, die unteschätzte gefahr,

schönheit versus sicherheit, möglichkeiten und chancen der prävention.

die wahl der arbeitstitel lassen nicht gerade auf eine unvoreingenommene und gegensätzliche auffassungen berücksichtigende ausrichtung des arbeitskreises schliessen.


genausowenig wir die auswahl der referenteninnen:

- kirsten lühmann, mdb (spd), bullizistin.

- siegfried brockmann. leiter unfallforschung der versicherer (udv), gesamtverband der deutschen versicherungswirtschaft (gdv).

- dr.ing andrea david, leiterin ressort verkehr adac e.v. (der schon seit geraumer zeit die gefahr der landstrasse durch seinen presseticker schickt).

- prof.dr.ing. christian lippold, fakultät verkehrswissenschaften “friedrich list” lehrstuhl gestaltung von verkehrsanlagen, tu dresden.


mitgebracht zum verkehrsgerichtstag hat den vorschlag der deutsche verkehrssicherheitsrat (dvr), ein weiterer verein. dessen mitglieder zu einem gutteil identisch sind mit dem der akademie für verkehrswissenschaft.

 

der vorschlag hat die hart aufeinander prallenden gegensätze in dem arbeitskreis offenbar gut überstanden und kam aus ihm so ziemlich genauso wieder raus wie er reinging.

 

http://www.dvr.de/dvr/vorstandsbeschluesse/vt_hoechstgeschwindigkeiten_auf_landstrassen.htm

und

http://www.deutscher-verkehrsgerichtstag.de/images/empfehlungen_pdf/empfehlungen_53_vgt.pdf seite 4

 

auf der seite des deutschen verkehrsicherheitsrats findet sich übrigens auch die grundlage, auf der es zur tempo-80-empfehlung kam.


Unstrittig ist, dass niedrigere Geschwindigkeiten insbesondere zu geringeren Unfallfolgen führen. Offen ist, bei welchen Geschwindigkeiten sich (schwere) Landstraßenunfälle tatsächlich ereignen.“

Eine Detailanalyse der Unfalldatenbank der Unfallforschung der Versicherer zeigt, dass sich zwei Drittel der Landstraßenunfälle (n= 695 Unfälle mit 142 Getöteten, repräsentative Stichprobe) mit schweren Unfallfolgen (Schadenaufwand > 20.000 Euro) bei Geschwindigkeiten unterhalb von 80 km/h ereignen. Bei Geschwindigkeiten über 100 km/h ereignen sich zwar nur 7 % der Landstraßenunfälle. Hierbei sind jedoch 28 % der Getöteten zu verzeichnen. Im Geschwindigkeitsbereich von 80 bis 100 km/h ereignen sich 25 % der Unfälle mit 32 % der Getöteten.“

 

die begründung für die 80 statt 100 folgt also der simplen erkenntnis, dass eine geringere geschwindigkeit weniger wahrscheinlich zum tod der unfallbeteiligten führt. dabei geht es noch nicht mal um den unfall selbst, sondern, ganz im sinne der vision zero – nur darum, ob die beteiligten danach noch zucken oder nicht. 

 

ein letztes; ich bin leider noch nicht fertig, eine kleinigkeit habe ich noch: als ich mir die mitgliederliste des dvr ansah, fiel mir auf, dass die biker union dort mitglied ist. die biker union ist eine, nein nicht eine, sondern die vertretung der biker, rocker und motorradfahrer. steht jedenfalls so auf deren seite. vom verkehrsgerichtstag und dem tempo 80 vorschlag steht da allerdings nichts. statt dessen gibts einen flyer für die nächste sternfahrt. und einen verweis auf den wettbewerb “motorradfreundliche stadt”. hach!

 

wie ist nun aber zu erklären, dass die biker union mitglied in einem verein ist, der eine derartige forderung stellt? konnten sich die rockers trotz heftigem gestrampel mit den beinen und lautem schlagen auf die kutten einfach nicht gegen die übermacht durchsetzen?

oder wollten sie es nicht, weil bei ihren sternfahrten eh kein tempo 80 machbar ist?

oder sind sie gar mit duftendblauen blümchen umrankte gutmenschen?


 


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Kommentare: 1
  • #1

    matthias (Dienstag, 10 Februar 2015 23:58)

    gut nachgedacht und gut recherchiert

    und ja, deine schlimmsten vermutungen über die biker union sind wahr. sie sind der grund warum ich jedem sage: don´t call me biker! ok, ein paar andere auch noch, aber die könnten ebenso gut auch dazugehören.

"riding shouldn't be about electronics, the limit is yours and yours only" (simon crafar)