"die mz ist die beste"

die mz ist die beste“

weil sie den sanftesten motor hat.

sagt karsten podlesch.

mit dem ich mich über motorräder unterhalte.

über maschinen wie diese:

 

honda in erfurt. foto: nicola
honda in erfurt. foto: nicola

 

und über das fahren mit ihnen:

awo in heidenau. foto; conny uhlhorn www.shots-on-canvas.com/
awo in heidenau. foto; conny uhlhorn www.shots-on-canvas.com/
awo in heidenau. foto: conny uhlhorn www.shots-on-canvas.com/
awo in heidenau. foto: conny uhlhorn www.shots-on-canvas.com/

 

zum ersten mal habe ich diese art motorräder beim berliner 6-tage-rennen gesehen - hier sind es weisse 450-ziger bmw boxer - die mit einem gedämpften sonoren brummen ihre bahnen zogen. im schlepptau ihres windschattens einen radfahrer. steherrennen nennt sich die kombination aus motorisiertem und unmotorisierten zweirädern.

die leistungen der fahrradfahrer, der steher, sind eindrucksvoll. mit spitzgeschindigkeiten von bis zu 110 km/h - in berlin sind es 95 - abhängig von der bahnlänge, der überhöhung der steilkurven und dem fahrbahnbelag - und schnitten von 60 – 70 km/h geht es über renndistanzen von bis zu einer stunde. und so sind es auch die radler, die meist im rampenlicht stehen; mich aber interessiert vor allem der motorradfahrerische aspekt des sports.


karsten podlesch ist ein sogenannter schrittmacher, der die radfahrer in seinem windschatten schnell macht. er fährt diese motorräder – die berliner bmw, die sanften mz in forst und leipzig, die awo in heidenau, die hondas in erfurt und nürnberg, die bielefelder triumph... die motorräder stellt der veranstalter, 20 – 25 rennen kommen für karsten podlesch so im jahr auf diesen maschinen zusammen.

für ihren speziellen einsatzzweck sind die motorräder umgebaut. die lenkerenden sind weit nach hinten gezogen, anstelle von fussrasten sind kästen montiert, in denen der schrittmacher während des rennens steht, nach hinten abgestützt von einem senkrecht stehenden sattel. am heck des motorrads befindet sich das rollengestell mit der rolle. sie verhindert das auffahren des stehers auf das motorrad - berührt er die rolle mit dem vorderrad versehentlich, ist das ungefährlich.

die länge des rollengestells definiert auch den maximalen windschatten für den fahrradfahrer. der versuchen wird, diesen bestmöglich auszuschöpfen und darum mit dem vorderrad so eng wie machbar an der rolle dran zu bleiben. berührt sein vorderrad die rolle, bremst ihn das, wird der abstand zu gross, lässt die saugende wirkung des windschattens nach.


die aufgabe des schrittmachers ist es, seinen steher nicht zu verlieren, der dann „von der rolle“ wäre ; dazu muss er sehr gleichmässig fahren und geschwindigkeitsveränderungen müssen ganz behutsam erfolgen. um das überhaupt möglich zu machen, ist der gaszug so übersetzt, dass erst nach drei umdrehungen vollgas erreicht wäre.

der schrittmacher fährt nach gehör. der tacho, so überhaupt vorhanden, interessiert ihn nicht. gefahren wird im 4. gang; zu anfang der fahrt einmal kurz hoch in den 5. um sicher zu sein, dass dann auch der 4. drin ist. der klang des motors gibt dem schrittmacher aufschluss über die gleichmässigkeit seiner fahrt und die geschwindigkeitsveränderung. die er gar nicht immer aktiv selbst beeinflusst – die windschatten vorausfahrender gespanne – so nennt sich das tandem der beiden zweiräder – und wind von vorne oder hinten auf im freien gelegenen bahnen sind ebenfalls einflussgrössen. kommt der wind von hinten, wird nicht etwa vom gas gegangen, sondern leicht gegen den motor gebremst. was übrigens auch ein probates mittel wäre, um die geschwindigkeit grundsätzlich möglichst sanft zu beeinflussen – wären da nicht die völlig serienmässigen bremsanlage, die das nicht lange mitmachen, sondern schnell fest gehen würden.

 

zu einem gewissen teil gibt das motorrad selbst einen windschatten, den weitaus grösseren aber macht der schrittmacher. er steht, um eine möglichst grosse fläche aufzubauen. und trägt dazu einen speziellen anzug. der ist für die fahrer unabhängig von ihrer statur gleich gross, um für alle gespanne möglichst gleiche voraussetzungen zu bieten; klar, gibt ein 1,90-m-mann etwas mehr windschatten als jemand mit 1,60m körpergrösse.

der effekt des anzugs wird wesentlich dadurch erzielt, dass er sich mit luft füllt und aufbläht „der anzug muss stehen“ wie es karsten podlesch nennt.

ein kurzer griff ans gesäss überzeugt ihn davon, dass auch richtig luft drin ist. flattern darf der anzug auf keinen fall, das würde der radfahrer negativ spüren.

 

die startpositionen im rennen werden ausgelost, qualifikationsläufe zu fahren wäre logistisch aufwändig. damit ist das losglück in einem fahrerisch homogenen feld in jedem fall ein faktor für den rennausgang. von hinten zu starten kann aber auch von vorteil sein: man kann das renngeschehen vor sich beobachten, sehen wer schon einmal überholt hat und deshalb vielleicht bereits „platt“ ist und sich so taktisch gespann für gespann nach vorne arbeiten.

 

überholen ist quasi das salz in der suppe im stehersport. es will gut geplant sein, denn es ist ein schwieriger vorgang, der auch gut und gerne mal in die hose gehen kann. für den radfahrer ist er extrem anstrengend, seine ganze körperliche leistungsfähigkeit ist gefragt.

überholt wird immer auf der aussenbahn.

problematisch dabei ist die simultane geschwindigkeitserhöhung des

gespanns, auch der längere weg auf der aussenbahn - und es sind die verwirbelungen, der sogenannte dreck, die der steher zu spüren bekommt, wenn er in den windschatten des zu überholenden gespanns eintaucht.

nach einem solchen kräftezehrenden überholvorgang ist der erst einmal „platt“ – damit auch für eine gewisse zeit nicht mehr fähig, sich seinerseits gegen das überholtwerden zur wehr zu setzen.

 

woher weiss der schrittmacher aber, ob sein steher mit kann? spiegel, um einen prüfenden blick nach hinten zu tun, hat er keine. also dreht man sich schon auch mal kurz um. und es gibt zwei kommandorufe des stehers: „ooh“ für „langsamer“ und „allez“ für „schneller“. mehr gibt es nicht. denn mehr wäre in dem motorenlärm und den windgeräuschen auch nicht zu verstehen.

 

apropos, motorenlärm. warum werden eigentlich keine elektrischen motoren benutzt, wo die doch so schön leise sind; und frei von abgasen? karsten podlesch ist beinahe entrüstet: nein, nein, meint er – um die geschwindigkeit einschätzen zu können, braucht er ein vernünftiges motorengeräusch. und die zuschauer, die lieben das doch auch. und benzinmotoren riechen doch so gut.

 

hat er eigentlich einen motorradführerschein, fährt er auch abseits der bahn motorrad? frage ich. nein, den brauche er nicht, sagt karsten podlesch. eine schrittmacherprüfung habe er abgelegt und ja, lust auf´s normale motorradfahren hatte er schon. aber irgendwie ist es nie dazu gekommen - als er noch aktiv radrennen fuhr blieb dafür keine zeit und auch jetzt, als schrittmacher, geht der grösste teil der freizeit für den sport drauf. und - so gibt er zu bedenken - er könne sich durchaus vorstellen, dass das motorradfahren auf der strasse sogar kontraproduktiv sei für seine speziellen fähigkeiten als schrittmachender.

 

die hat er sich über viele jahre erfahren. 3 jahre habe es alleine gedauert, bis nicht mehr die motorräder mit ihm fuhren und er die unterschiedlichen maschinen und die vielzahl an bahnen und bedingungen alle wirklich im griff hatte. 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Andi Chemnitz (Freitag, 29 März 2013 10:22)

    Danke für den Beitrag ! Ich gehöre zu den Organisatoren der Steherrennen in Chemnitz, wo wir noch eine richtige "alte" Streherbahn" mit 333m Länge, 12m Breite und 47Grad-Steilkurven haben. U.a. organisieren wir jedes Jahr noch ein Rennen mit 8-9 alten "großen" Motoren (bis 2500ccm). da geht es richtig zur sache. VG aus Chemnitz, Andi!

  • #2

    Andi Chmnitz (Freitag, 29 März 2013 10:24)

    p.S.: s.a. link:
    http://www.youtube.com/watch?v=fjgn6zJ4GgE

  • #3

    jensinberlin (Samstag, 30 März 2013 10:31)

    eindrucksvoller shuffle!

"riding shouldn't be about electronics, the limit is yours and yours only" (simon crafar)