bosch! konsumenten! eu! schnell! rettet mir mein menschenleben!

bosch! konsumenten! eu! schnell! rettet mir mein menschenleben!

 

bosch verlautbart, bereits im kommenden jahr ein motorradmodell serienmässig mit einem esp-system auszustatten.

 

Katharina Scherer, pixelio.de
Katharina Scherer, pixelio.de

 

 

ich lebe ja bekanntlich nur einmal. und weil die mir verbleibende lebenszeit bereits so knapp ist wie das wunderbarste elixier meines lebens, der kostbare sprit, beschloss ich vor ein paar monaten, mir doch noch einmal ein eigenes vierrädriges transportbehältnis zuzulegen; statt nur mit reizlosen firmenklitschen und faden mietschlurren in den gegenden herum zu gondeln.

eines, das ein moderat dynamisches potential vorhält. dessen anblick mir regelmässig meine verhärmte seele wärmt; und in das drei kisten wein genauso angemessen passen wie eine schöne frau.

 

angelockt von den versprechen der autohersteller, monatlich nur einige euro fuzzig investieren zu müssen, setzte ich mich zunächst an die beratungstische der neuwagenverkäufer.

„ohne esp, bitte!“ so mein elementarer wunsch zur ausstattung. der mir nirgendwo erfüllt wurde, denn ohne gab´s nicht. das darf es ja auch gar nicht mehr geben, denn seit dem 1.11.11 (bzw. ab 2014) müssen neufahrzeuge obligatorisch mit einem esp ausgestattet sein. statt dessen gab es knöpfe zum drauf drücken, die eine andere eingriffschwelle des esp mit etwas mehr querbewegung erlauben. eine komplette abschaltbarkeit des systems bieten aber auch die knöpfe nicht, die ist nämlich verboten.

 

statt also mein geld mit einem neukauf von ganz oben in den wirtschaftskreislauf zu kippen, musste ich mich eine stufe tiefer auf dem gebrauchtmarkt umsehen. und selbst da musste ich einige baujahre und modellreihen zurückgehen, um ein meinen vorstellungen und meinem budget entsprechendes esp freies fahrzeug zu finden; denn obwohl das esp erst seit kurzem durch die eu–vorschrift obligatorisch ist, wird es bei vielen autos bereits seit jahren serienmässig verbaut; meist blieben nur die grundmodelle der kleinwagen und besonders sportlich ausgerichtete fahrzeuge ohne.

ein blick in den automobilsektor lohnt, denn die entwicklung ist in diesem bereich exemplarisch für die zukunft des esp am motorrad: nach einer phase der allmählich voranschreitenden durchdringung des marktes mit dem system, zunächst optional, dann serienmässig, bis hin zur einem marktanteil von um die achtzig prozent, der schliesslich eine eu-vorschrift folgt, um die hundert prozent neufahrzeuganteil voll zu machen.

 

zuerst waren es die teuren oberklassenmodelle der hersteller, die mit dem system versehen waren, passend zu ihrem anspruch, die sichersten und die am besten ausgestatteten zu sein. zumal es auf ein paar tausender mehr bei den käufern dieser klasse nicht ankommt. aber – moment, da war doch die a-klasse und ihr elchtest, diese kuriose anekdote der jüngeren automobilgeschichte, in deren folge nicht nur der damals neue kompakte mercedes sondern auch allerlei hochbauende geländewagen mal eben auf ihre dächer kippten. was mercedes das umfallen und ein verkaufsdebakel ihrer a-klasse verhinderte, wurde von den autovermarktern schnell in ein prima funktionierendes marketinginstrument umgemünzt und hat das einsickern des systems auch in andere fahrzeugkategorien wie kompakt- und kleinwagen erleichtert.

dabei ging es dann bald nicht mehr darum, nur das umwerfen von dafür aufgrund ihres fahrwerks und ihrer proportionen prädestinierten fahrzeuge zu verhindern, sondern generell das schleudern und überhaupt jede driftbewegung um die fahrzeuglängsachse zu unterbinden. und so wurden auch autos mit einem esp system versehen, die auf der strasse liegen wie das sprichwörtliche brett.

 

weil aber offenbar auch in ländern wie deutschland mit einem relativ hohen anteil an serienmässig mit esp ausgestatteten fahrzeugen davon ausgegangen wird, dass in zukunft um die zehn prozent neufahrzeuge ohne esp verkauft werden würden - bestimmte sportwagen zum beispiel oder besonders preisgünstige autos (im allgemeinen presseduktus absichtsvoll diskreditierend „billigautos“ genannt) - von menschen, die kein geld für ein esp ausgeben und offenbar am äusseren rand der gaußschen normverteilung durch ihr leben kurven wollen, tritt nun die eu auf den plan und sorgt dafür, dass keine neuen modelle ohne eine zulassung für den strassenverkehr erhalten. weil bosch das will. und die eu, ganz in der tradition der europäischen wirtschaftsgemeinschaft (ewg), als die sie gegründet wurde. und auch nach dem lissabonvertrag, diesem hundertseitigen feigenblatt, das lediglich dazu dient, eine höhere akzeptanz bei den konsumenten des wirtschaftsmarkts zu erreichen, sind es die wirtschaftlichen und damit die von der wirtschaft vorgegebenen interessen, denen der eu-apparat verpflichtet ist.

für bosch wie für die anderen hersteller der systeme ist selbstverständlich ein hundertprozentiger markt lukrativer als ein neunzigprozentiger; zumal hier die eu als ganzes zu sehen ist, also auch länder, in denen der esp–anteil unreguliert weit unter neunzig prozent läge.

 

nun also, nächstes jahr, ein esp system für motorräder. welches modell damit bestückt werden wird, zunächst sicherlich optional, darüber darf derzeit noch spekuliert werden: die dicke von bmw, die k 1600, würde sich anbieten als pedant zur automobilen s-klasse: teuer und bereits mit allen gängigen features am markt zu haben.

die fetten, hochpreisigen mitbewerber werden folgen, leichtere, sportlichere und leistungsschwächere, preisgünstigere motorradkategorien werden auf wunsch mit esp bestellt werden können. der konsument, der gemeine, wird es wünschen, und da, wo er es nicht wünscht, wird er keine wahl haben, weil die motorräder nur noch mit esp in den verkaufsräumen der händler stehen werden. im nächsten schritt wird es weitestgehend serienmässig verbaut werden und für den letzten wird die eu sorgen.

es wird sein, wie bei den autos vorexerziert und wie, nach dem gleichen muster, beim motorrad–abs vollzogen.

 

warum aber verläuft die entwicklung überhaupt so? warum lassen sich die fasm auf dem markt derart etablieren? immer mehr davon und diese in immer schnellerer abfolge? das abs - das vor allem, dem, als es in den achtzigern auf den automobilen markt kam, noch mit viel skepsis und entsprechender kaufzurückhaltung begegnet wurde - und das esp waren hier die wegbereiter in deren zuge weitere fahrassistierende systeme ziemlich widerstandlos in den markt rutschen können; der damm ist gebrochen. es hat also mit einer allgemein vollzogenen aktzeptanz von systemen zu tun, die aktiv in die autonomie des fahrers eingreifen. dieses psychologische moment ist nicht zu unterschätzen, immerhin ist das führen eines fahrzeugs, das eigenbestimmte dirigieren wesentlich für die indivduelle fortbewegung; die fahrzeugkontrolle, die herrschaft darüber, unabhängig von der gesellschaftlichen zugehörigkeit und gesinnung ein stück gelebter autonomie.

und wer sich die titelblätter von auto, motor und sport noch aus den achtzigern in erinnerung ruft, wird darauf selbst milde motorisierte mittelklassewagen in spektakulären, könnerhaften drifts sehen.

fahrkönnen, das geschick, mit einem fahrzeug umzugehen, war einmal ein individuell und auch gesellschaftlich akzeptierter wert; ich will nicht sagen, dass der bereits zur gänze verschwunden ist, er ist aber zunehmend in den hintergrund gedrängt; ich will sagen: dass er über kurz oder lang verschwinden wird. und mit ihm die atavistischen fahrernaturen, wie ich eine bin.

bestimmte menschliche werte sind elementar, unveränderlich. der wert des wettbewerbs gehört dazu, er ist ein biologischer impetus. da wo wettbewerb keine lebenssicherende funktion hat, kein wettbewerb um die ressourcen ist, bekommt er eine kulturelle ausformung; eine autonome fahrzeugbeherrschung ist eine solche. vor kaum mehr als hundert jahren gab es sie in der aktuellen form nicht, weil es die entsprechenden fahrzeuge dazu noch gar nicht gab; in einiger zeit wird es sie so nicht mehr geben; der wettbewerb um könnerschaft aber ist konstitutiv und wird dann eine andere ausprägung haben.

 

ein allmählicher wertewandel – allmählich ist er immer, kann aber durch besondere ereignisse wie elchtest oder fukushima eruptiv beschleunigt werden - bleibt einigen menschen unbewusst, die gehen ihn einfach mit; anderen wird er obsolet, weil sie sich an ihm reiben; wesentlich ist, dass ein wertewandel auch ein aktiv und absichtsvoll betriebener prozess ist; der durch äussere ereignisse wie die vorgenannten beeinflusst und bestärkt werden kann.

heute betreiben diesen wandel: die wirtschaft mit ihren presseabteilungen und ihren verbänden, die von meldungen mit einem gewissen neuigkeitswert bis hin zu studien mit einem vorgeblich belegenden charakter die presselandschaft regelrecht überfluten; auch die in der wahrnehmung der allgemeinheit vermeintlich unabhängigen verbände wie der adac gehören dazu. die think tanks mit ihren überlegungen. die eigens gegründeten pr-agenturen und die sogannten institute, die ganz gezielt im auftrag angeblich harte fakten, zahlen also, in die druckerpressen der verlage schütten; experten, die kaum je unabhängig sind; denn woher bezögen sie ihr einkommen, wenn sie nicht auf der honorarliste einer interessengruppe stünden? die lobbyisten, die in den vorzimmern und zum teil auch an den schreibtischen der entscheider und ihren administrationen sitzen, allein in brüssel gibt es mindestens 15.000 davon.

und natürlich die auto- und motorradzeitschriften am kiosk, die für´s eigene salär die kommerziellen interessen munter mitschreiben und ihr fähnchen existenzsichernd in den vorherrschenden wind hängen. all dies bereitet das öffentliche meinungsklima, in dem dann, wenn die zeit reif ist, die boschs dieser welt ihre innovationen anpreisen. und anpreisen lassen.

 

und jetzt ist das kurvenfahren, das uns doch jahrzehntelang soviel freude bereitet hat, richtig gefährlich; unfallträchtig in hohem grade, gesundheits-und lebensbedrohlich; selbst ein vettel darf behaupten, ohne esp aufgeschmissen zu sein, ohne angst haben zu müssen, sich damit lächerlich zu machen (stellt euch einen gerhard berger vor 20 jahren mit einer solchen aussage vor und ihr habt ein schönes beispiel für das veränderte meinungsklima).

 

darum also das esp auch am motorrad. nach dem abs und der traktionskontrolle; die kaum zwei jahre gebraucht hat, um allgemein anerkannt, etabliert zu sein.

ich konstantiere also den derzeitigen status des wertewandels: das bremsen braucht der motorradfahrer nicht mehr zu beherrschen, das macht das abs. das beschleunigen auch nicht, das übernimmt die traktionskontrolle. das kurvenfahren bald ebenfalls nicht mehr, dafür gibt es dann das esp.

bleibt, glaube ich, nicht viel, was hier in zukunft noch wertezuwandeln wäre.

zuletzt noch ein kleiner ausblick in die neue normative motobile zukunft:

http://www.motor-talk.de/news/7-x-mehr-sicherheit-fuer-die-s-klasse-t4279088.html

 

 

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"riding shouldn't be about electronics, the limit is yours and yours only" (simon crafar)