ist moto guzzi gott? oder doch nur kunst?

ist moto guzzi gott? oder doch nur kunst?

 

eine seltsame frage? nur dem ersten anschein nach, gibt es doch menschen, für die gott alles und alles gott ist. und in der kunstwelt ist „alles ist kunst“ bereits ein lang gesetztes narrativ.

zumindest meine begleiterin hat gute lust, sich dieser aussage anzuschliessen: wir laufen in kassel herum, die documenta gibt den anlass, schlappen durch das c&a kaufhaus, vorbei an badelatschen – alles ist kunst und die latschen sind günstig - um im obersten geschoss des gebäudes in einem, abgesehen von lautsprechern, leeren raum des rhythmus zu landen.

 

zwei stunden zuvor kommen wir über eine treppe in die documenta-halle, von oben blicken wir bereits auf die unten aufgebauten motoren. dort angelangt, stehen wir dann hier, vor diesem moto guzzi motor:

 

ein v75 ist es vermutlich, von thomas bayrle wird er italienisch „prega per noi“ – „bitte für uns“ betitelt.

 

gegrüsst seist du, moto guzzi, voll der gnade. der herr seit mit dir. du bist gebenedeit unter den motoren gebeinedeit die kraft deiner kolben, die fortbewegung mit dir. heilige moto guzzi, mutter der längsliegenden welle, fahre mich sünder jetzt und in der stunde unseres todes. amen.

 

aber lassen wir den künstler selbst sprechen:

 

 

seine arbeiten seien immer fifty-fifty sagt bayrle. und der einen hälfte von hundert - nur von dieser will ich sprechen - ist es wohl geschuldet, dass bayrle keinen profanen golfmotor sondern einen wunderbaren porsche 911–6zylinder für seine installation verwendet, einen prima cv2-boxer und eben diesen guzzi-v2.

 

ich bin agnostiker. nehme also bayrles installation das numinose weg, übrig bleibt noch genug: das beeindruckende phänomen, dass dieses stück metall einem lebewesen gleich von flüssigkeiten duchflossen ist, dass es luft zum atmen braucht, geräusche macht, dass es sich bewegt. es ist dieses mysterium, das ich spüre, wenn ich auf meinem motorrad sitze, mit ihm fahre, die kraft erlebe, mit der dieses scheinbare wesen motor mich vorantreibt.

ich brauche keine inszenierte kunst, um das zu verstehen, mit dem sakral der dynamik bin ich aufgewachsen.

 

aber vielleicht ist ein gutteil der documenatabesucher ja auf diese installation mit ihrer offensichtlichen verknüpfung von profanem und sakralem angewiesen, um den geist zu spüren; weil sie nur so und nur hier mit einem motor in direkten kontakt kommen. denn in ihren autos tun sie es nicht, hier sind die motoren überwuchert von plastik. in den bedienungsanleitungen ihrer fahrzeuge findet sich kaum ein hinweis auf die motorentechnischen merkmale. die zahl der zylinder, die ps, den hubraum ihres wagens kennen sie nicht; der klang des motors ist ihnen ein nebengeräusch, übertönt vom abrollen der reifen, beschallt vom klang der musik aus den autolautsprechern. ein motor ist ihnen nur ein notwendiges, inwendiges teil ihres vehikels, so wie es ihnen die leiterplatten ihrer elektrogeräte sind.

diese zunehmende entmechanisierung findet sich auch im motorradbereich, wenn auch bei weitem nicht so ausgeprägt – ich jedenfalls weiss von motorradfahrern, die von den oben aufgeführten merkmalen ihres motorradmotors keine ahnung haben.

 

ob thomas bayrle diese rezeption seiner kunst mitgehen würde, weiss ich nicht; aber selbst wenn man nicht der auffassung ist, dass alles kunst sei, ist kunst doch ein derart undefinierter raum, dass neben badelatschen auch andere sachen reinpassen. auch die vergötterung von motoren.

in diesem sinne also: ...in spiritus sancti, amen.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Karsten (Samstag, 08 September 2012 20:42)

    Tja, es geht ums MOTORrad, und das ist eine Guzzi. Mit Motor, ist prägend. Alles andere ist BMW oder Japse :-)

    Im Ernst, schön geschrieben. Ich wünschte, ich könnte das.

    FF.

    Karsten

"riding shouldn't be about electronics, the limit is yours and yours only" (simon crafar)