ihr kennt den kater karlo*?

einen schnellen sommer lang habe ich sie auch gelesen, die micky maus hefte; mit freunden an einem bergsee irgendwo in einem österreich vergangener tage und abends mit einer knisternden tafel schokolade unter der bettdecke. bevor ich dann über asterix und obelix gleich weiter beinahe bis zum grossen latinum schritt.

 

es gab da diese figur des kater karlo*, grobschlächtig, unrasiert, kriminell. die unangepasste antipode zur glatten, braven maus.

aber erst weit in der mitte meines lebens habe ich den kater wirklich verstanden. als mir ein guter freund*, ein motorradfahrer wie ich, erzählte, er habe ihn, den kater, getroffen, leibhaftig, in echt.

 

mein freund war auf dem weg zu einem italienertreffen in einem land östlich dem unseren, fuhr so vor sich hin, auf einer welligen, schmalen strasse über einer planen landschaft, geradeaus, lockere 120, 130 auf dem tacho, den blick gesenkt auf die karte im tankrucksack.

 

er erschrak, als er überholt wurde. laut ballernd, viel schneller. ducatis.

nun verhält es sich bei meinem freund ähnlich wie bei den leuten mit futterneid, die, wenn sie andere etwas essen sehen, den drang haben, es ihnen gleichzutun und so riss mein freund seinen v2, da er doch mit muss, wenn er schnelles sieht, tief bollernd an und fuhr sich ran an die gruppe. ja, er hatte richtig gesehen, es waren ducs, ihr tempo stramm, so um die 160, 180. und da die grobe richtung, in der die gruppe unterwegs war, stimmte, jagte er hinter ihnen her über die zahlreichen kleinen strassen dieses landes.

 

im laufe der zeit nahm er dann auch ein paar details der vor ihm fahrenden motorräder wahr, baff erstaunt, anstelle der landesüblichen nummern und buchstaben auf einem der kennzeichen „duc 888“ zu lesen, auf einem anderen „duc 916“. meinem freund entfuhr ein leises, halb erschrockenes, halb anerkennendes pfeifen. ihn überkamen zweifel, ob er es denn wagen könne, mit einer derart illegal übers land feuernden truppe mitzuhalten, hing an seinem motorrad doch nur ein ganz ordnungsgemäss amtliches schild.

 

er blieb trotzdem dran, kam sich dabei vor wie ein unmaskierter, der sich entschlossen hatte, an einem banküberfall vermummter mitzutun. und das für nichts weiter als der schmalen hoffnung auf einen dürftigen wortwechsel, ein paar kurze blicke in die augen dieser verrückten. egal, es war meinem freund egal, er hatte sich zum dranbleiben entschieden und müsste er dazu den jungs da vor ihm bis ans ende aller ostländer hinterherfahren.

 

allerdings, ganz so leicht fiel ihm das nicht, das dranbleiben. weniger wegen des angeschlagenen tempos generell, das ging er locker mit, vielmehr weil die jungs auch in den kleinen ortschaften, durch die sie fuhren, gnadenlos rein hielten, krachend vorbei an stumm stehenden bauern und bellenden hunden, ohne je merklich vom gas zu gehen.

 

längst schon war er von seinen vorausfahrern bemerkt worden, trotz der kaum rücksicht gewährenden spiegel, wie sie ducs ehedem zu eigen waren; irgendwann an einem der zahlreichen abzweige im irgendwo, stoppten sie und der vorausfahrende winkte meinen freund zu sich heran.

 

der erblickte einen auf einer duc 998 sitzenden hünen, dessen vermeintlicher rucksack, den er bisher auf dessen rücken geschnallt zu sehen glaubte, sich, so aus der nähe betrachtet, als eine kleine, zierliche frau entpuppte.

 

"etau v uduab?" fremdsprachte es ihm entgegen. "nix versteh!" dann auf deutsch "wo du hinfahrr?" "zum italienertreffen nach kotymsk" "wir auch - du kenne weg?" "auf mappa." und zeigte auf seine karte im tankrucksack. fahrr vorr!“

 

das tat mein freund. auf freier strecke gab er sich keine blöße; in den kleinen ortschaften, durch die sie kamen, spürte er den ungeduldigen atem seiner nachfolger drängend im nacken.

 

kotymsk. das treffen, das ziel war erreicht, runter mit den helmen.

mein freund blickte in das laut schallende lachen des hünen, einem mann weit in der mitte seines leben, schwer fiel dessen hand auf seine schulter “superr! du mir gefallen, trinken bierr?“, dann kurz in das blonde des rucksacks und in die überraschend blutjungen gesichter der beiden mitfahrer.

 

das meine söhne“ der kater war keiner, dem man die wörter und die geschichten, die sie erzählen, aus der nase ziehen musste: die rote 888 war eine maschine aus der superbike weltmeisterschaft, nie zugelassen für den strassenverkehr, ihr fahrer ein führerscheinloser, sechszehn-jähriger bub.

 

die schwarze 916, genauso wenig strassenzugelassen, wurde vom immerhin bereits volljährigen spross gefahren „derrr iss noch zu langsam!“.

kater karlo* selbst fuhr seine 998 mit einem vollkommen korrekt aussehenden kennzeichen, er müsse, so der kater, damit manchmal rüber ins benachbarte ausland.

ein ducati liebhaber sei er, er fahre nur ducs, nie nichts anderes, ein sammler, zuhause habe er eine ganze grosse garage voll davon.

ob er denn keine bedenken habe, so derart illegal unterwegs zu sein, fragte ihn mein freund:

“ich freier mann!“

 

ich hoffe, zusammen mit meinem freund, der mir diese geschichte erzählte, dass der kater das auch heute noch ist.

vielleicht ist sein fahrstil, so völlig ungebremst durch die leut, und die art, seine motorräder ganz unbedarft einfach auf die strasse zu stellen, ein wenig, sagen wir, outriert.

aber die geschichte ist derart lange her und ereignete sich also zu einer zeit, da den bewohnern dieses landes noch jene innere freiheit wirkte, die ein direktes gegenüber zu dem simpel gestrickten totalitären anspruch des staatsgebildes war, in dem sie vordem gelebt hatten.

 

heute sind die dialektischen ausschläge auch dort bereits merklich geglättet durch die bis in die hintersten gedankenregungen des menschlichen hirns hinein funktionierende, alle nicht systemimmanenten freiheitsgrade absorbierende sogenannte freie und plurale marktgesellschaft, deren koordinationsmechanismen ganz ohne massiv totalitäres auftreten auskommen, stehen in ihr doch eine vielzahl überzeugter micky mäuse wacker ein für ein vermeintliches recht.


in wenigen jahren wird auch ein kater karlo* zu kaum mehr innerer freiheit und auflehnung als dem fahren ohne vorschriftsmässig reflektierende schutzkleidung überhaupt nur noch in der lage sein.


dann ist es hohe zeit, sich wieder mit einer tafel schokolade und einem guten comic unter eine bettdecke zu verkriechen. 

 

 

* name geändert

 

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