regelvorstoss

regelvorstoss.

stellen wir uns die folgende situation vor: wir fahren mit einem motorrad - 98 ps, 1.000 kubik - auf einer bundesstrasse und laufen auf einen vor uns fahrenden lkw auf, der ca. 80 km/h schnell ist. die strasse führt leicht bergan, in rund 500 metern entfernung befindet sich die kuppe des anstiegs. kein gegenverkehr. wir könnten den lkw spielend überholen, dazu bräuchten wir noch nicht einmal den geschwindigkeits-überschuss zu nutzen, mit dem wir zuvor auf freier strecke unterwegs waren. unser motorrad ist derart stark, dass wenige meter überholweg genügen, um an dem lkw vorbeizufahren. das tun wir aber nicht, eine durchgezogene mittellinie verbietet es uns. wir warten, bis wir über der kuppe sind und das überholverbot aufgehoben ist.

wir haben den lkw nicht überholt, obwohl das gefahrlos möglich gewesen wäre. ein strich verbot es uns. ohne ihn wären wir an dem lkw umstandslos vorbeigezogen.

fahren wir die strecke noch einmal. dieselbe verkehrssituation, dieses mal sitzen wir jedoch nicht auf einem motorrad, sondern am steuer eines elektrosmarts. und wie zuvor überholen wir nicht - es ist ja nicht erlaubt - vor allem aber: es wäre zu gefährlich. denn unser elektroauto beschleunigt einfach zu schlecht für die 500 meter einsehbare strecke.

wozu oder besser für wen brauchen wir also den strich auf der strasse?

 

um missverständnissen vorzubeugen: selbstverständlich halte ich mich an die regeln.

beim spiel, um kein spielverderber zu sein. im wahren leben, weil ich von allen geliebt werden möchte.

an die verkehrsregeln halte ich mich; fahre 50 km/h, wenn ein verkehrszeichen das von mir möchte. sogar weniger - 47 oder auch nur 45, um ganz sicher zu gehen, auch wirklich keinen regelverstoss zu begehen; ein kleiner unachtsamer dreh am gasgriff zuviel und schon bin ich schneller als erlaubt.

 

schauen wir uns noch eine situation an, wie es sie da draussen zuhauf gibt: eine kurvige strasse führt durch den wald, flüssige links - rechts - kombinationen, offene kurvenverläufe. ein schild mit dem gebot, 80 km/h zu fahren. schnell genug für die grauhaarige, ältere dame in ihrem kleinwagen, den kofferraum beladen mit leergut, auf der fahrt zum einkaufen. aber viel zu langsam für den recken mit tausenden von landstrassenkilometern erfahrung. der nämlich könnte die strecke locker schwingend auch mit 120 km/h fahren. allein, er darf es nicht.

 

ich hatte mal ein streitgespräch in einer sehr angenehmen umgebung, eine flasche fruchtiger chianti stand auf dem tisch, vor der türe motorräder, die toskana und ein verlockendes morgen. zum spass und um eine diskussion anzuregen, vertrat ich die auffassung, dass man die regeln der stvo, also ihre gebote, verbote und die entsprechenden verkehrszeichen, lediglich als einen lockeren hinweis auffassen könne, an die man sich entweder gar nicht hält oder nur, wenn man das situationsbedingt für angemessen erachtet.

in diesem gespräch plädierte ich auch dafür, eine solches verhalten nicht generell zu sanktionieren. den bussgeldbescheid also nicht auszustellen, weil 100 km/h statt der erlaubten 70 km/h gefahren wurden. sondern, sofern überhaupt, nach anderen kriterien, zum beispiel der einer tatsächlichen verkehrsgefährdung.

ich erntete massiven widerspruch. meine gesprächspartner vertraten die auffassung, dass es richtig sei, für eine regelwidrigkeit wie die überschreitung einer geschwindigkeitsbeschränkung bestraft zu werden. und ja, sie wüssten, sie führen oft zu schnell, das sei nicht richtig, eben darum sei es richtig, dafür bestraft zu werden. sofern man erwischt wird.

 

lassen wir das mal so stehen. und wenden uns wieder der frage zu, warum eigentlich verkehrszeichen so häufig für alle fahrzeugarten gleich lautend sind - das tempo-80-schild für einen 40-tonner genauso gilt wie für einen pkw oder ein motorrad.

denn es geht ja auch anders: auf der autobahn gibt es überholverbote nur für lkw über 3,5 tonnen gesamtgewicht. ein zusatzschild verbietet das befahren einer strasse für eine bestimmte art von fahrzeug - für motorräder zum beispiel am wochenende oder nachts. oder, wie es auf einem abschnitt im berliner umland im nuthetal zwischen den orten hennickendorf und ahrensdorf der fall ist: hier dürfen motorräder nur 50 fahren, alle anderen hingegen 70.

 

an regeln, an alle, halte ich mich, das sagte ich bereits - an zwei aber ganz besonders. die ich zitieren möchte, weil sie bestens beschreiben, was für eine eigenverantwortliche teilnahme am strassenverkehr tatsächlich notwendig ist:

 (1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

 (2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, daß kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

(aus der stvo §1 grundregeln, I - allgemeine verkehrsregeln)

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