fahren wie in afrika

fahren wie in afrika.

zum beispiel in kenia.

einem manchmal mehr und manchmal weniger schönen land im osten des afrikanischen kontinents.

als ausländer, als europäischer oder nordamerikanischer tourist zumal, schaut man sich wahrscheinlich grosse, grünzeug fressende viecher an oder man liegt bei 35 grad unter kokosnusspalmen am strand des indischen ozeans.

vielleicht füllt man aber auch als mitarbeiter irgendeiner ngo papiere aus, damit die gelder zur finanzierung des jobs weiter fliessen. all das ist mehr oder minder gut, vielleicht auch stellenweise reizvoll. zu mehr als einem „ganz nett“ reicht das auf meiner persönlichen geilheitsskala jedoch nicht.

auf dieser skala ganz oben, weil sehr extrem richtig geil, steht das fahren in kenia. das selberfahren.

das habe ich getan.

nicht auf dem motorrad, jedenfalls nicht so richtig, also mit allem drum und dran – mit kurven, mit verkehr, schlaglöchern, bodenwellen und losem untergrund - sondern nur auf bestem asphalt und auch nur ein kurzes stück. immerhin aber mit wehendem resthaar, auf einer indischen 175ziger mtr mit umgedrehtem schaltschema.

so eine mtr ist ein typisches motorrad dort.

der kenianer fährt leichte maschinen mit 125, 150 oder auch 175 ccm chinesischer und indischer provienz. billigster machart, selbst motorgehäuse sehen oft seltsam nach plastik aus. was egal ist, denn der kaufpreis ist alles, repariert wird später. gefahren wird nicht zum zeitvertreib. ein motorrad ist ein mittel zum transport, häufig auch eines zum lebenserwerb, zum beispiel als taxi.

 

in nairobi, der hauptstadt kenias. endlose staus, ein tägliches rein und raus aus dem stadtzentrum. in dem man nicht lebt, sondern lediglich arbeitet oder seine erledigungen macht. mit einem motorrädchen bedeutet das echtes fortkommen. quer zum stehenden verkehr, durch kleinste lücken und um engste ecken zirkelnd, fein mit dem oberkörper die bewegung des motorrads, die schwindenden kreiselkräfte austarierend. wahlweise mit einem sack irgendwas oder einer dicken mama hinten drauf. dabei ist die fortbewegung immer souverän, kaum muss mal ein fuss stützend auf den boden.

 

oder draussen. auf dem land, über stock und stein, über abhänge und steile böschungen. fahren unter bedingungen, die den deutschen fahrer einer enduro je nach persönlicher fähigkeit längst schon aus dem sattel geholt, wenigstens aber zum stehen im motorrad gebrächt hätten. letzteres macht der kenianer nicht. er hockt grundsätzlich auf seiner maschine. und schaut dabei auch nicht, wie es unsereins angesichts der geländebeschaffenheit tun würde, ambitioniert drein, sondern telefoniert mit dem handy oder unterhält sich, halb rückwärts gewandt, mit seinem sozius.

 

es gibt reiseführer, die warnen vor dem selberfahren in kenia. nicht in erster linie wegen des für deutsche ungewohnten linksverkehrs, sondern wegen der vermeintlichen regellosigkeit, die dort herrsche. für den typischen deutschen fahrer, also den, der sich freiwillig an verkehrszeichen orientiert, sie gerne beachtet und dankbar ist für die anleitung, die sie ihm geben, ist dieser hinweis auch angemessen. für alle anderen, die lieber situationsbedingt selbst entscheiden, was am besten zu tun ist, ist fahren in kenia ein eldorado des freien seins. dabei ist es beileibe nicht regellos. zwar gibt es selten schilder, die irgendwas gebieten oder verbieten und noch seltener ampeln, die, sofern sie überhaupt funktionieren, nur beachtet werden, wenn ein bullizist daneben steht.

fahren in kenia funktioniert einfach einige herzerwärmende ticks anders als hierzulande. dabei ist die grundsätzliche struktur die gleiche. ob auf einem auto toyota corolla (dort) drauf steht oder vw golf (hier), ist eh belanglos – in beiden fahrzeugen ist jemand auf der fahrt an ein ziel, das zu erreichen für ihn kalkulierbar ist. und das risiko, das nicht zu schaffen, hinnehmbar klein.

 

im grundsatz ist strassenverkehr eine aufeinander abgestimmte interaktion zwischen den leuten, die dran teilnehmen. es ist ein organisiertes sozialsystem, das, wie jedes menschliche system durch kommunikation funktioniert. nach paul watzlawick, einem kommunikationswissenschaftler, kann man gar nicht nicht kommunizieren.

die kommunikationswissenschaft unterscheidet zwischen der formellen kommunikation - im verkehr sind das die regeln, die auf dem papier und auf den schildern stehen - und der informellen. das sind die zeichen, handlungen oder auch abläufe, die nirgendwo aufgeschrieben sind, die man kennt und eben versteht. und diese aufteilung zwischen formeller und informeller kommunikation ist in kenia eine andere als hier bei uns. dort ist papier noch geduldiger, die schilder fehlen weitestgehend, dafür wird entsprechend mehr informell miteinander kommuniziert. und das ausgesprochen lässig und unaufgeregt. sowenig der kenianische fahrer ein pedantischer paragraphenreiter und schilderbefolger ist, sowenig ist er von südländisch-aufbrausendem naturell. der kenianer ist cool. das ist er im persönlichen umgang genauso wie im auto vor einem.

als in der landesüblichen verkehrskommunikation ungeübter muss man allerdings hochkonzentriert sein. blicke in die landschaft gehören dem beifahrer. autos halten ohne weitere vorankündigung an, biegen ab, riesige schlaglöcher tun sich unvermittelt auf. der fahrbahnrand enger strasse besteht aus aufgebrochenem asphalt, daneben klafft ein anderhalb meter tiefer graben.

 

der ganz grosse fahrerische kick sind die sogannten „rough roads“, die unbefestigten strassen. auf ihnen zu fahren ist vergleichbar dem ambitionierten motorradfahren auf unbekannten landsträsschen hierzulande. angespitzt und hochkonzentriert sitzt man im auto, immer auf der suche nach der besten spur und auf der hut vor heftigen bodenwellen.

gänzlich abgetickt ist das dann bei nässe. denn angesichts der tatsache, dass es keine traktoren gibt, bedeutet steckenbleiben im morast stundenlanges gebuddel im dreck. da steigt man dann schon mal aus und beguckt und bespricht die mutmasslich beste route durch das vor einem liegende schlammloch.

 

kenianische buben, die ein wenig geld auf`tasche und einen guten geschmack haben, fahren einen subara impreza wrx. den aus der ersten serie in leuchtendem blaumetallic und goldfarbenen felgen.

 

wer zuwenig geld hat für ein eigenes auto, fährt mit. in einem grossen überlandbus oder einem sogenannten matatu. das sind sammeltaxis, zumeist nissan- oder toyota-kleinbusse. diese matatus sind höllisch schnell und zuweilen regelrecht brutal unterwegs; ihr offensichtliches motto: „zeit ist geld und sonst ist garnix“. wobei ich immer das gefühl hatte, dass nicht alleine der zeitdruck die jungs am steuer schnell macht, sondern auch eine art matatufahrerehre: ein matatu hat einfach schnell zu sein. und wenn zwei matatus in der selben fahrtrichtung aufeinandertreffen, dann wird ein kleines rennen draus. die fahrer kennen die strecken. und die, mit denen ich fuhr, verstanden ihr handwerk, waren gute kerle, denen ich mich gar nicht ungern fatalistisch anheim gab.

wenn ich mal ein kenianer bin, möchte ich auch ein matatufahrer sein.

bis dahin werde ich halt noch ein bisschen in unserem kommunikationssystem rumkurven. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Walter (Sonntag, 02 September 2012 20:45)

    Stimme Dir in diesem Bericht grossteil bei! Was hier aber ein wenig beschoenigt wird ist die Tatsache, dass diese Matatufahrer aus meiner Sicht "Killer" sind! Wir haben offiziell ca. 3200 Verkehrstote pro Jahr, wobei die reale Zahl sicher weit hoeher liegt! Ursache sind die mafioesen Zustande bei den Matatu-Betreibern sowie bei der hochkorrupten Polizei! Nicht selten sitzen in einem "14-Sitzer" oft mehr als 20 Personen und fast taeglich kracht es hier! Overspeeding und ueberholen an den unmoeglichsten Stellen sind nur die Spitze des Eisberges fuer die vielen Toten im Strassenverkehr! Seit der "Motorradboom" immer groesser wird und natuerlich die Ignoranz auf bestehende Gesetze (Helmpflicht, nur ein Beifahrer, ...) steigt erhoehen sich die Unfaelle massiv. Alles in allem ist das Befahren von "Hauptverkehrswegen" ein grosses Risiko und ich bin immer wieder froh heil anzukommen! Aber ich sehe es auch ein wenig als natuerliche Auslese, denn nachdenken darf man da nicht!

  • #2

    jensinberlin (Sonntag, 02 September 2012 21:53)

    ich habe von den mungiki (mafia) gehört; ich pflichte dir bei, das fahren ist nicht ganz ungefährlich in kenya, so wie das ganze leben dort, als einheimischer oder als muzungu, und so spiegelt der text auch nur die eine, glänzende seite der medaille; für den überängstlichen und übergesetzestreuen deutschen, der so schrecklich unsicher ist in seiner doch so behaglichen sicherheit.

"riding shouldn't be about electronics, the limit is yours and yours only" (simon crafar)